Vielschichtigkeit, oder : unser Hirn bekommt Futter

Was ist jetzt spannender: das, was ich sehe, oder das, was ich nicht sehe?

Die schlichte Melodie aus dem Radio ist gut nebenher hörbar, während man spült, zum Beispiel, und sie prägt sich schnell ein. Der Wiederkennungswert ist hoch. So wie obiges Foto. Dabei ist es noch nicht einmal primitiv, so wie vieles aus dem Musikantenstadl oder das Gedudel von WDR4. Schlichte Sprache kann gewitzt sein und auch Tiefe besitzen. Unser Geist aber hält sich damit nicht lange auf. Was uns angehen soll, darf sich nicht aufklären.

Was verbirgt sich links? Eine Küche? Die Mama?
Konzertreise MDR Katar

Sprache, so lernen wir bei Schopenhauer, spiegelt unser Denken wider. Schlichte Sprache: wenig denken. Komplexe Sprache: viel denken. Dabei heißt allerdings komplexe Sprache nicht, wie im deutschen Wissenschaftsbetrieb üblich, daß sie unverständlich sein soll. Gradmesser einer vielschichtigen Sprache kann sein, daß sie auf mehreren Ebenen verstanden wird, aber eben noch verständlich ist, irgendwann. Wie bei Gedichten, die nur durch dauerndes Lesen einen Schlüssel zum Verständnis bieten, so können vielschichtige Bilder durch ein erstes Gefühl, berührt zu werden, dazu anstiften, sich weiter mit dem Bild zu beschäftigen.

Traum? Sehnsucht? Trauer?

Früher belichtete man dasselbe Stück Film schlicht doppelt und hatte zwei Ebenen im Bild. Heute geht das vor allem durch Photoshop. Doppelbelichtungen allerdings sind das Feld, auf dem sich auch der meiste Kitsch rumtreibt. Nicht ohne Grund habe ich das auch ein bisschen betrieben. Vorsicht bei diesen Experimenten. Zwei Ebenen in Fotoshop übereinander legen kann auch heißen: für´n Arsch. In diesem Falle könnte ich zur Verteidigung anführen: der Schattenwurf auf dem Sand, selber auch schon ein vielschichtiges Werkzeug, passt durch seine tiefe Lage im Bild, die uns eher traurig berührt, durchaus zu den Augen des Kindes. Insgesamt hat das Bild eine klare Sprache von Trauer und Sehnsucht, die ein wenig durch den Sonnenschein und das grüne Wasser gebrochen wird. Kitsch, aber nicht ganz doof.

Hier habe ich eine Puppe hochgeworfen, das Blitzlicht draufgehalten und mit recht langer Belichtungszeit geknipst. Dadurch sieht man noch schön den Raum und das Fenster, zudem verschwimmt die Puppe in den Konturen und zeigt ihre Bewegung, trotz des schnellen Blitzes. Auch eine Art Doppelbelichtung. Sie wirkt dadurch wie durch einen Raum-Zeit-Kanal ins Bild geworfen: was macht sie da? Wohin geht die Reise? Warum eigentlich eine Puppe (ein Kind wollte ich nicht werfen, klar...)? Wieso ist der Raum so leer und gruselig, die Puppe so alptraumhaft in ihrer Erscheinung?

Schattenwurf ganz schlicht

Na, da ist mal was Schlichtes. Blätter aufm Stamm eines Baumes. Es geht aber auch anders:

Verborgen im Schatten

Auch ein Schattenwurf: wer ist der Mann? Was führt er im Schilde? Ist es nur ein Gelegenheitsfoto und technisch miserabel, oder ist es das letzte Foto, was der Fotograf gemacht haben wird?

Beten oder Gruseln. Schatten sind stark aufgeladen.

Beten soll er. Oder ist es der Teufel selbst, welcher sich dem Kreuze nähert? Man sieht: Vielschichtigkeit erzeugt Nachdenken darüber, wie eine Geschichte wohl ausgehen mag.

Ich greife mir Deine Kamera oder Du hörst auf!

Durchblick, durch Hände, aber auch durch Fenster oder Tore, spielt mit uns Verstecken. Vordergrund und Hintergrund erzählen andere Geschichten. Die Hand distanziert, aber das lustige Gesicht lädt zum Mitlachen ein.

Draußen Regen, innen Kunst. Oder draußen Leben, innen tot?

Vorne will man im Warmen bleiben, hinten aber sieht es nach Regen aus. Dafür aber wirkt der Vordergrund statisch, während man im Freien vielleicht noch etwas erleben kann?

Unbeobachtet und lässig. Oder immer lässig. Bayern halt.

Was tut der Mann da? Bei der Arbeit saufen? Erwischen wir ihn? Oder entspannt er sich kurz und hat sich nur dahin gesetzt? Wir sehen: Durchblick kann auch bedeuten, wie ein heimlicher Zeuge eine Szene zu beobachten.

Hier fügen sich Schattenwurf, Durchblick und Bühnenhaftigkeit zusammen. Wir werden Zeuge einer Szene, die wir wie zufällig beobachten, nicht wissend, ob das Kind traurig oder froh, der Raum dahinter Licht, ergo Freude verheißend oder weitere Leere bedeutet. Wir sind einfach nur Zuschauer einer Szene, die in uns eigene Geschichten wachrufen kann.

Ganz offensichtlich weiß dieser Mann, daß er fotografiert wird. Dennoch verbirgt er sich hinter einer ganzen Glaswand mit Küchengegenständen. Er wirkt wie gefangen: Licht von links (Lesart: aus der Vergangenheit), rechts wird es dunkel, dahinter winkt Freiheit im Grünen, aber auch erst nach Überwindung des Fensters. Kommt er da wieder raus? Sein Gesichtsausdruck sagt: nein. Das helle Licht zeigt: damals war alles besser, aber auch krass.

Standpunkt einer Ziege

Erfriert hier jemand und sieht noch das Dach der rettenden Hütte? Oder versteckt sich hier jemand vor dem Jagdgewehr des Hausherren? Oder ist der Betrachter eine Ziege, im warmen Stall des Futters harrend?

Ziege willkommen? Das doppelte Auge.

Vielleicht ist bei dieser Verschachtelung von Spiegelung und Durchblick die Ziege hinter der Kamera? Wie steht die Dame im Warmen zu ihm? Weiß sie von seiner Distanzlosigkeit? Wer beobachtet hier wen? Wir die Ziege, die Ziege uns? Wird er Hund gleich um die Ecke biegen?

Sonne geht unter, aber rechts mehr als links.

Auch hier Spiegelung und Durchblick, zudem vertikale und horizontale Bildteilung. Ein schlichtes Bild, dennoch sehen wir drei bis vier Bilder. Die Stimmung ist dadurch nicht mehr ganz so eindeutig: das Bild wird interessant.

Schöne kleine Welt

Sind wir hier in einer Puppenstube? Hier wird die Perspektive anders: durch die große Unschärfe und einen kleinen Schärfebereich wirkt das Bild wie das Foto einer Miniaturwelt, gleichzeitig aber zeigt sich klar und deutlich das Schaufenster und das, was darin liegt. Das Dorf spiegelt sich nur. Oder ist es doch eine Model-Eisenbahn? Sind wir groß, sind wir klein?

Religion als Hintergründigkeit

Bekommt hier Jesus am Kreuz eine neue Brustbehaarung? Hier spielt die Ziege, nein, der Fotograf mit Perspektive und Handlungen, ja, mit Symbolen: die Abbildung von Jesus am Kreuz, das Ende (oder der Anfang?) einer großen Liebesgeschichte, vielleicht DER Geschichte überhaupt, und vorne ganz schnöde Frauen beim Haarehochstecken. Haare sind aber auch ein Symbol für Potenz. Nun ja, ich will´s nicht zu sehr aufladen, das Bild, aber witzig ist es schon.

Nicht zu tief ins Glas schauen

Trinkt da jemand ein Dorf? Warum ist es so dunkel, das Dorf aber so hell? Eine kleine verkehrte Welt: sieht der Trinker sie so? Seine Welt wird klein, verkehrt herum, die Dosis quasi zu hoch? Oder ist es eine ganze Welt, die auf der Zunge zergeht, der Genuß des Weines?

Auf Messers Schneide

Dann verspeist er Blumen? Stop, wieder zu viel Interpretation. Offensichtlich spiegeln sich Blumen. Das Bild bekommt ein wenig wiitzige Tiefe, aber das Hirn schläft schon ein...

Gähn...

Das Hirn fällt zusammen. Säße da jetzt eine interessante Type im Käfer, die man so leicht sehen würde, dann ginge dieses Bild. So aber...schnarch.

Das Bild horizontal geteilt, unten geht´s spielerisch grausam zu, oben herrscht Gleichförmigkeit. Da wohnen dann Menschen. Unten treffen sich Kobolde und spielen. Nahe möchte man ihnen nicht kommen. Wir sind wieder wacher!

Auf Händen gehen - wohin?

Das, was man nicht sieht, kann ja spannender sein als das, was man sieht. Was ist denn das? Ein Wesen beim Angriff? Ein Balanceakt? Wird Freude sein?

Doppelbelichtung kann auch langweilig sein, nicht nur kitschig. Hier das reine Klischee!

Bin ich das? Was ist meine Welt?

Ein Erwachsener spiegelt sich und sieht sich als Kind? Und es geht ein Riss durchs Spiegelbild? Ist das Erinnerung? Da fängt doch das Hirn an zu arbeiten! Wer bin ich? Sehe ich mich als den, der ich bin? Sehe ich meine eigene Projektion? Mischt sich da jemand ein?

Pianisten können gruselig wirken. Dasselbe Bild ohne Spiegelung wäre langweilig. So aber spaltet sich die Person, die uns ansieht. Die eine schaut durch Unschärfe milder. Komme ich da gut raus? Wird der Klavierabend dämonisch? Spannend deswegen? Oder klappen die Deckel gleich zu und schließen eine Welt?

Mittagessen?

Ist die Spinne groß genug, den Mann zu fressen? Witzige Wirkung perspektivischer Verschachtelung.

Alles auf dem Rasen - und darüber

Wo solche Spinnen wohnen, muss man sich einmauern. Horizontale Bildteilung macht´s möglich, drei Welten zu sehen. Welche davon ist die langweiligste? Der trockene Rasen? Die Mauer? Ist Leben im Haus? Ist es Angst, die solche Aufbauten macht? Oder Freude am Abgrenzen? Alles auf dem Rasen...

Reichtum schränkt ein

Hat der Fotograf sich in Dornen verfangen und sieht verdurstend nur noch unscharf rettende Zivilisation? Oder rettet der Zaun Außenstehende vor riesigen Hunden? Oder heißt Reichtum immer auch Definition von Zugehörigkeit?

Alter macht weise

Es geht auch anders. Junges Grün und Altenheim. Da treffen Welten sich, obwohl sie auseinander gehen.

Wanderer sitzt und sieht aus der Hütte Frau. Wartet da ein sinnliches Abenteuer? Verweile doch, Du bist so schön? Wieder ein Ausblick. Unerkanntes reizt. Wäre das Gesicht ganz zu sehen: ich wüsste, worum es geht, vermutlich. Und der Blick aus der Hütte hat wieder etwas von "ich beobachte, keine Kamera stört."

Huch! Ist die Frau aus Pappe? Blättert da Papier vom Körper ab? Wird sie sich selbst dem Recycling zuführen? Eine ganze Welt an Rätseln tut sich auf. Schön scheint es nicht, das Kommende. Oder ist es Häutung? Vergangenes wird entsorgt, um Neues zuzulassen? Kippt eine schlechte Welt ins Gute? Bild im Bild, viele bedeutungsschwangere Ebenen. Man kann solche Fotos mehrmals betrachten. Sie werden nicht so schnell langweilig.

Brennendes Herz?
Durchblick durch ein Fenster, Unschärfe des Hauptmotivs, dafür Regentropfen scharf, dennoch gut erkennbare Form der Frau, ein starker Lichtakzent, mittig, der Ruhe verbreitet, leicht aber auch nach unten versetzt, was auch etwas nach unten zieht, drumherum ist es schwarz, dunkle Nacht: was könnte das erzählen? Ohne den Lichtakzent wäre das Bild klar: die Frau steht leicht von der Mitte weg, wirkt also etwas "falsch" am Platze, sie scheint gefasst, aber auch schon entfernt, nicht mehr greifbar, verletzlich, in all dem Dunkel um sie herum verloren. Das Hauptlicht kommt von links, also aus der Vergangenheit, rechts finstere Zukunft. Oder wird ihr das Licht einen Weg weisen? Wovor verbirgt sie sich? Oder wird sie verborgen?
Eröffnung Kulturwald FestivalEbenen, Ebenen, Ebenen. Alt und Neu, Arm und Reich, jung und alt, lebendig und starr.

Hier eine moderne Form der Spiegelung. Das Selfie als Schamhaar. Die Frau nicht erkennbar. Auch verborgen. Auch hier kommt das Hauptlicht aus der Vergangenheit, die Zukunft scheint düster. Der mittige Akzent des Telefons verbreitet Ruhe. Die unscharfen Haare Dynamik. Ist es ein Spiel mit Metaphern von "wer war ich und wer werde ich sein"? Warum kann ich mich nur noch im Display sehen?

Christian Palm - erstes Selfie

Hier haben wir noch einmal das Spiel mit Unschärfe, Durchblick und mehreren Ebenen. Die Frau wird vom Wasser gespalten. Sie scheint zu zerfließen und nicht mehr sie selbst zu sein. Dieses Mal aber kommt das Licht aus der Zukunft, von rechts. Wird sie eine Andere werden? Als wer verschwindet sie? Was bedeuten die Lichtpunkte hinter ihr, hüfthoch? Es sind deutliche Nebenakzente, die vielleicht sagen: komm zu uns, hier ist noch wer.

Aufgeladene Schatten! Alptraumhafte Farben! (Magentatöne). Der Blick geht nach unten...nach vorne, aber nach unten. Die Vertikalen im Bild deuten alle in diesselbe Richtung: nichts wird den Weg nach unten aufhalten. Nur die Schritte dahin werden bedeutsam sein, symbolhaft durch dicke riesige Schattensäulen, die den Weg der Frau zu stoppen scheinen, immer wieder vorübergehend.

Gespaltenes Abbild, Bild im Bild quasi, abgerissen zum Teil. Was ist darunter? Der wahre Mensch? Nichts mehr? Der Hauptakzent zieht nach unten und rechts, in die Zukunft, die keine gute zu sein scheint. Oben, als Nebenakzent, ein Rohr, welches wieder Spannung ins Bild bringt. Was bedeutet das Rohr? Ist es Symbol einer roboterhaften Zukunft? Oder bricht da doch noch etwas die Mauer auf und bringt Licht und Freiheit?

Um nach diesen Bildern ein wenig Luft zu atmen, wird es wieder schlichter. Der Bildwitz hier ist wieder perspektivische Verschachtelung: die Bäumchen wollen wie die Hochhäuser so groß sein.

Hier entstehen mehrere Deutungsebenen durch schlichte Kombination zeitlich offensichtlich anders orientierter Motive: hinten oben das uralte Bauernhaus, mittig ein moderner Wagen zum Rasen, vorne die fast zeitlose Symbolik katholischer Religion.

Mein erstes Selbstportrait sei als Abschluß erlaubt. Die Interpretation überlasse ich nun aber dem geneigten Betrachter.

Was eindeutig ist, legt sich fest. Legt uns als Betrachter fest. Freiräume entstehen durch Deutungsmöglichkeiten. Persönlichkeitsentwicklung: je mehr Erfahrung wir sammeln, desto interessanter, vielschichtiger werden wir. Fotos also, die uns rätseln lassen, die eigenartig berühren, bei denen wir nicht genau wissen, was vorher und nachher passierte und passieren wird, solche Fotos interessieren und lassen nicht kalt.

Lassen wir noch einmal die Techniken Revue passieren: wir haben Doppelbelichtungen, Durchblick, Spiegelungen, Schattenwürfe, Bildteilungen, perspektivische Verschachtelung, Bühnenhaftigkeit, Papier, welches aufreist oder abgeht vom Gegenstand und uns Anderes, Neues zeigt, Bild im Bild, Verschachtelung von offensichtlichen Symbolen bzw. Metaphern, gegensätzliche Akzentsetzungen zur grundsätzlichen Bildgestaltung und Schattenumrisse vor hellem Hintergrund, die uns rätseln lassen, dies alles haben wir kennengelernt. Es sind dies Beispiele von Techniken, es gibt sicher noch einige Andere. Eine sehr wichtige Technik, die Bildung von Collagen, haben wir nur am Rande berührt.

Kategorien: Bildgestaltung, Notizen, Photo-Essay

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